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LOGbuch

 

BB04.de / LOGbuch

Das LOGbuch enthält all die Geschichten und Anektoden, die die Arbeit in der Altenpflege täglich selbst schreibt: Lustiges & Trauriges, Wahrhaftiges und Vorurteilbelastendes, Schönes & Nachdenkliches. Hier können täglich ein paar neue Stories hinzu kommen - vielleicht auch Deine eigenen?

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20110930Die Frau im Spiegel

Das Krankheitsbild der Demenz spielt in der Altenpflege eine sehr wichtige Rolle. Wer damit aber bisher nicht viel zu tun hatte, dem kommen zuerst die Begriffe "Alzheimer" und "Vergesslichkeit" in den Sinn. Nun sind dies aber nur sehr grobe und magere Begriffe. So eine richtige Vorstellung bekommt man davon jedenfalls nicht. Aber vielleicht von folgender Geschichte...

Frau Brune hat es eigentlich gar nicht so schlecht. Ihre Tochter kümmert sich hinreißend um sie, versucht es ihr immer Recht zu machen und überhaupt gehört die Tochter von Frau Brune zu jener Sorte Menschen, die nach dem folgenden Grundsatz leben: Meine Eltern haben mich viele Jahre lang groß gezogen, von daher ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ich sie nie in ein Heim gebe.

Trotz der guten Vorsätze ist Frau Brune nun doch in einem Pflegeheim angekommen, denn auch die engagierteste Tochter braucht mal sowas wie Urlaub. Und Frau Brune scheint das alles auch gar nicht so eng zu sehen, denn aufgrund ihrer fortschreitenden Demenz lernt sie ihr Umfeld alle 15 Minuten komplett neu kennen.

Sie ist eine umgängliche Persönlichkeit, hat ihr Leben immer gemeistert, war stets hilfsbereit zu ihren Mitmenschen und freut sich auch heute noch über jedwede Gesellschaft. Nun sind die Mitbewohner aber für sie irgendwie komisch, bzw. findet sie für sich nicht so Recht den Draht zu den anderen. Bis auf eine.

Eine Mitbewohnerin mag sie sehr - und die Mitbewohnerin mag auch Frau Brune. sehr oft stehen die beiden am Flurende zusammen und unterhalten sich stundenlang. Sie lachen miteinander, denken zusammen nach und sind sich sogar in der Mimik und Gestik sehr ähnlich. Wenn Frau Brune dort zusammen mit ihr steht, ist für sie der Tag in Ordnung. Die Mitbewohnerin hat nur eine Eigenart, die Frau Brune doch sehr merkwürdig findet. Wie gern würde sie sie mal mit auf ihr Zimmer nehmen, bzw. gern mal mit ihr durch den Park laufen. Immerhin ist gerade schönes Wetter. Aber immer, wenn sie die andere Dame fragt, dann stimmt diese zwar nonverbal zu, doch sobald sich Frau Brune dann zum Gehen wendet, dreht die Mitbewohnerin genau in die andere Richtung ab - jedesmal. Aber sie nimmts ihr nicht krumm - hier kann man sich ja auch gut unterhalten.

Die Mitarbeiter finden die Frau Brune sehr nett. Es bleibt nicht aus, dass sie sich ein Schmunzeln nicht verkneifen können, wenn sie an "den beiden" vorbei gehen. Nur manche Angehörige sind da etwas irritiert. Sie gehen an ihr vorbei und schütteln mit einem traurigen Gesicht den Kopf. Aber warum eigentlich? Nun, vielleicht gibt folgende Situation Aufschluss:

Eines Tages entdeckt Frau Brune, dass ihr ihre Freundin auch auf die Toilette gefolgt ist. Zwar war sie verwundert, als sie ihr am Waschbecken plötzlich in die Augen blickte, aber auf der anderen Seite findet sie die andere so nett, dass sie es ihr nicht krumm nimmt. Die ihr helfende Pflegerin muss schon alle Kunst anwenden, die beiden zu unterbrechen - denn vor der Toilette steht noch eine andere Bewohnerin. Und vielleicht will auch die nach dem Toilettengang, wenn sie sich dann am Waschbecken die Hände wäscht, einen prüfenden Blick in den Spiegel werfen. Frau Brune jedenfalls verlässt die Toilette und kehrt an die Stelle zurück, wo sie ihre Freundin doch viel besser sehen kann: Im großen Spiegel am Ende des Flures...

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20110925Kein Besuch

So eine Aufnahmeberatung läuft ja weitestgehend standardisiert ab. Es gibt entsprechende Formulare, Hinweistexte und auch die Fragen der Anfragenden sind sich im Wesentlichen nicht unähnlich. Von der Zimmergröße, über die Heimkosten bis hin zum Angebot der sozialen Betreuung - diese Fragen kommen fast immer.

Nun sitzt Frau Hille vor mir und hat mir schon einen Großteil meiner Fragen beantwortet. Auch sie selbst hat schon vieles in Erfahrung bringen können, jedoch scheint ihr da noch eine Frage auf der Seele zu brennen.

  • "Herr Faltermeier, ich würde meine Mutter ja ab und zu auch gerne mal besuchen kommen. Darf ich die denn dann hier überhaupt noch besuchen?"

Nun, Frau Hille hat das gesamte Aufnahmegespräch hindurch einen guten Eindruck gemacht. Ein wenig wurde da aber schon ein schlechtes Gewissen deutlich. Das ist nun nicht ungewöhnlich, denn das haben die Meisten, wenn ein Heimplatz die letzte noch mögliche Alternative ist. Aber Frau Hille steht insgesamt fest im Leben und ich schätzte sie so ein, dass ein kleiner Spass am Rande ihr gut tun würde.

Viele sind aufgrund der besonderen Situation sehr aufgeregt und manchmal auch etwas kopflos. Sie sind sehr konzentriert, hängen förmlich an den Lippen des Beraters und schreiben eifrig mit - im Übrigen auch, wenn man ihnen von Anfang an sagt, dass sie alle Infos auch schriftlich mitnehmen können.

Nun, ich konnte es mir jedenfalls nicht verkneifen, denn diese Frage kommt erstaunlicherweise sehr oft und spiegelt doch eines der hartnäckigsten Vorurteile wieder: Im Pflegeheim hat man nichts mehr zu melden, die Rechte gibt man am Empfang ab und Besuch ist da natürlich auch nicht drin. Also war meine Antwort mit vollkommen ernster Miene:

  • "Das geht natürlich nur in Ausnahmefällen. Für Besuche müssen sie 14 Tage vorher ein Ankündigungsgesuch ausfüllen und auf die Genehmigung warten."

Frau Hille schaut mich ganz ernst an und innerhalb von eineinhalb Sekunden wird mir klar, dass sie das für bare Münze nehmen würde. Von daher löse ich das auch immer schnell auf:

  • "Das ist natürlich Quatsch! Sie können Ihre Mutter besuchen, wann immer sie möchten und Sie müssen auch niemandem vorher Bescheid sagen. Sehen Sie, unsere Bewohner WOHNEN hier, wir sind hier weder ein Gefängnis, noch eine anderweitige geschlossene Abteilung. Aus Sicherheitsgründen ist das Haus zwar zwischen 21 und 6 Uhr abgeschlossen - aber hier gibts auch eine Klingel."

Und wie von mir beabsichtigt, bekommt Frau Hille ein Lächeln auf die Lippen. Vermutlich ist ihr auch klar geworden, dass diese Frage etwas unsinnig war. Und im weiteren Beratungsverlauf stellt sie mir auch noch die anderen Fragen, welche sie bisher vielleicht aus Angst vor der Antwort nicht gestellt hätte.

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20110925Arbeitssuchend...

Ich gebe es zu: Ich habe Vorurteile entwickelt. Nun bin ich aber auch schon lange genug in dem Beruf, dass ich mich davon zwar nicht frei sprechen, diese aber durchaus hinten anstellen kann. Allerdings machts mir der vor mir sitzende Bewerber auch wirklich nicht gerade leicht.

  • Bewerber: "Also, damit sie es gleich wissen - schaffen kann ich nix!"
  • Faltermeier: "In Ordnung - Sie werden Ihre Gründe haben. Aber: Warum haben Sie sich denn dann überhaupt bei uns beworben?"
  • Bewerber: "Sie sind gut! Ich brauche doch das Geld vom Amt und die haben mich zu Ihnen geschickt. Ich habe denen gleich gesagt, dass ich körperlich nicht kann - habe Rücken. Aber das interessiert die ja nicht. Also können wir es kurz machen: Unterschreiben Sie die Bestätigung, dass ich da war und damit ist uns beiden geholfen."

In solchen Momenten kommt es immer drauf an, wie ICH drauf bin. Manchmal versuche ich ein Gespräch so in die Richtigung Sozialstaat, Solidargemeinschaft, der Gesellschaft was zurück geben etc. Manchmal komme ich auch in Versuchung, solche ganz Schlauen einfach auflaufen zu lassen und denen doch was passendes zu stricken. Aber bei Letzterem werde ich noch bei den Gedanken daran sehr schnell wieder vernüftig: Immerhin gehts hier um Bewohner, also hilfebedürftige Menschen und auf die kann man so Leute wie den gerade vor mir sitzenden Bewerber nicht loslassen.

Nun, was soll ich machen... Ich unterschreibe ihm den Zettel und mache aber auch einen Vermerk darauf, dass der Bewerber alle angebotenen Einsatzmöglichkeiten abgelehnt hat.

  • "So gehts ja nun nicht", fährt mich der Bewerber an, "Sie müssen schon bei der Wahrheit bleiben! Ich habe gar nichts abgelehnt, sie haben mir ja noch nicht mal was angeboten!"

Erbost plustert er sich auf. In solchen Fällen sind dann weitere Diskussionen sinnlos...

  • "Sie kommen hier zu mir und bevor sie noch 'Guten Morgen' gesagt haben, verkünden Sie lauthals, dass sie eh nichts arbeiten können. Mal ganz egal, ob sie nun tatsächlich gesundheitlich so eingeschränkt sind oder nicht, aber eine solche Aussage ist eine Pauschalabsage an alles, was ich ihnen hätte anbieten können. Von daher haben Sie natürlich alles abgelehnt. Hier ist Ihr Zettel, ich wünsche Ihnen noch alles Gute für die Zukunft und verabschiede mich jetzt von Ihnen."

Nun, er zog davon. Grimmig blieb er, aber letztlich ist mir das auch egal. Ich sehe gar nicht ein, andere noch im Sozialleistungsbetrug zu unterstützen...

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20110925Unmoralisches Angebot

Herr Abendlauf lebt schon ein gutes halbes Jahr bei uns. Er ist ein gestandener Mann um die 90 Jahre, hat im Leben handwerklich viel geleistet und musste damals nach einem Schlaganfall direkt aus dem Krankenhaus zu uns. Alleine gings nicht mehr, auch wenn er das nicht so ganz einsehen will.

Herr Abendlauf sitzt an diesem Nachmittag an seinem Tisch im Aufenthaltsbereich. Und wie das nun manchmal so ist, will alles, was irgendwann mal durch den Mund hinein gekommen ist, an anderer Stelle wieder raus. Also: Mission Toilettengang kann starten...

Herr Abendlauf ist jedoch nicht ohne Grund bei uns. So richtig allein geht vieles nicht mehr. Zwar ist er noch weitgehend mobil genug, um mit Festhalten von A nach B zu kommen, jedoch stellt der Toilettengang immer eine besondere Herausforderung dar. Es liegt in der Natur der Sache, dass es mit dem Erreichen der Örtlichkeit nicht ganz getan ist - die Hose muss schließlich auch noch runter.

Unser Herr Abendlauf weiß das natürlich. Manchmal wirkt er zwar etwas eigensinnig, jedoch ist ihm durchaus klar, was noch alleine geht und was nicht - meistens jedenfalls.

Nachdem er sich nun vom Tisch erhoben und sich - gentlemenlike - von seinen Tischnachbarn verabschiedet hat, stiefelt er los Richtung Zimmer. Nach 5 Schritten läuft ihm Schwester Edna über den Weg. Schwester Edna ist eine gute Seele, nur manchmal etwas hektisch. Sie macht eine sehr gute Arbeit, versucht aber auch oft, 5 Dinge gleichzeitig unter einen Hut zu bringen. Ob das nun immer so sein muss oder nicht, lassen wir mal dahin gestellt.

Jedenfalls weißt Herr Abendlauf die Schwester mit einem kurzen Statement darauf hin, dass er mal zur Toilette muss und geht schon mal vor. 5 Sekunden später wird Schwester Edna jedoch noch von einer Angehörigen angesprochen. An dem Nachmittag sind viele zu Besuch da. Nachdem Edna merkt, dass sie Herrn Abendlauf nun doch nicht so flink hinter her flitzen kann, ruft sie ihm quer über den Gang nach:

  • "Herr Abendlauf, gehen Sie schonmal vor und ziehen Sie schonmal die Hose runter - ich komnme dann gleich dazu!"

Nach diesem Satz war erstmal Ruhe im Aufenthaltsbereich, denn die anwesenden Angehörigen schauten entsetzt auf Schwester Edna. Was hat sie mit diesem Mann vor? Gehört sowas hier zum Service? Und überhaupt, das alles in einem christlichen Haus?

Edna bekommt die Blicke mit. Nun hätte sie erklären können, dass es sich hier um eine Hilfestellung beim Toilettengang handelt, aber damit geht man nun auch nicht gerade hausieren. Also begnügte sie sich mit einem Farbwechsel im Gesicht und war noch nie so schnell im Zimmer bei Herrn Abendlauf verschwunden.

Ob die Angehörigen dann irgendwann selbst drauf kamen, dass sich hier eigentlich was ganz Unspannendes abgespielt hat - wer weiß...

   
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